„Ich bin Nora aus dem gleichnamigen Theaterstück von Ibsen“

 

Ausführliches Interview über

Ib­sens

Nora oder Ein Puppenheim und die Bezüge von

Was ge­schah, nach­dem No­ra ih­ren Mann ver­las­sen hat­te

zu

Ib­sens

Stück. Es ging ihr im Text darum,

Ib­sens

„Geld- und Liebesmetaphorik“ weiterzuführen. Als wichtiges sprachliches Gestaltungsprinzip ihres Stücks bezeichnet sie den Umstand, dass die Figuren „wenn sie über Geld sprechen, in der terminologie der Gefühle sprechen, und wenn sie über Gefühle sprechen, in der terminologie der Ökonomie bleiben“. Der

Ka­pi­ta­lis­mus

wird sowohl aus marxistischer als auch psychoanalytischer (

Psy­cho­ana­ly­se

) Perspektive thematisiert. Für die szenische Umsetzung ihres Stücks schlägt sie vor, dass man es entweder „wie ein mittelalterliches Passionsspiel oder eben wie ein Brechtsches Lehrstück spielen“ sollte.

 

Rita Thiele: Genau hundert Jahre nach Ibsens NORA wurde dein Stück WAS GESCHAH, NACHDEM NORA IHREN MANN VERLASSEN HATTE ODER STÜTZEN DER GESELLSCHAFTEN uraufgeführt (1979). Warum hat dich dieses Stück von Ibsen so besonders beschäftigt? Weißt du das noch?

Elfriede Jelinek: Ich weiß es jetzt mehr als damals, kommt mir vor. Ich wollte ein Stück schreiben, das diese Geld- und Liebe-Metaphorik weiterführt, ein Stück, in dem die Ökonomie das Bestimmende ist. Mein entscheidendes Gestaltungsprinzip ist ja, daß die Leute, wenn sie über Geld sprechen, in der terminologie der Gefühle sprechen, und wenn sie über Gefühle sprechen, in der terminologie der Ökonomie bleiben. [...]

Was erwartet Nora? Ibsen läßt diese Frage offen. Aber wir sind 100 Jahre weiter als Ibsen und wissen ja, daß die Probleme für sie draußen nicht aufhören.

Naja, es ist halt wie in meinem Stück, und auch Frau Linde hat es ja vorexerziert. Sie hat nur die Möglichkeit, Prostituierte zu werden oder Gesellschafterin oder Kindermädchen oder in eine Fabrik zu gehen. Ich meine, als Marxistin muß ich natürlich die Vorherrschaft des Ökonomischen sehen, aber inzwischen sehe ich eben auch stärker, was die innere Authentizität einer Figur ausmacht. Und deswegen habe ich mit der sprachlichen Analyse begonnen, daß die Frauensprache das Authentische ist, weil die Frauen die Kinder die Sprache lehren, die Männer tun das ja im allgemeinen nicht.

aus: Rita Thiele: „Ich bin Nora aus dem gleichnamigen Theaterstück von Ibsen“. In: Programmheft des Wiener Burgtheaters zu Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim, 1997.

Mehr unter Beziehungen zu anderen KünstlerInnen