Ich bitte um Gnade. Alice Schwarzer interviewt Elfriede Jelinek

Emma 7/1989

Nachweis

Übersetzungen

Niederländisch

  • In: Vrij Nederland,

    5.8.1989

    . (auf Niederländisch, Titel: Elfriede Jelinek: „Als ze de moiiste kunnen krijgen, laten ze de slimmstevallen.“ Gesprek mit Alice Schwarzer over de rampzalige verwarring tussen „mannelijk“ en „vrouwelik“)

  • In:

    Schwar­zer, Ali­ce

    Tien vrouwen.

    Ams­ter­dam

    :

    Sa­ra/Van Gen­nep

    1990

    , S. 71-87. (auf Niederländisch, Titel: Elfriede Jelinek, schrijfster)

 

Ausführliches Interview über Frauenbilder und

Fe­mi­nis­mus

, in dem unreflektierte Zuschreibungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ sowie patriarchale Machtverhältnisse (

Pa­tri­ar­chat

,

Mann

) in der

Ge­sell­schaft

kritisch hinterfragt werden. Im Zusammenhang mit ihrem Roman

Lust

über ihren sprachlichen Ansatz sowie über

Se­xua­li­tät

und

Por­no­gra­fie

, die als Ausübung von

Ge­walt

gegen die

Frau

definiert wird. Die Schwierigkeit der Arbeit an diesem Werk bestand darin, dass es eine weibliche Sprache für Sexualität nicht gibt, da die Frau nicht „das Subjekt der Begierde, sondern immer das Objekt“ ist. Auch über Persönliches und Biographisches: ihren

Ma­so­chis­mus

, Make-up und

Mo­de

, ihre

Ehe

, ihre

Mut­ter

und ihren

Va­ter

.

 

Alice Schwarzer: Du bist bekannt für extravagante Inszenierungen deiner eigenen Person. Du kleidest und schminkst dich auffällig und hast schon einiges darüber gesagt, was Mode und Makeup für dich bedeutet. Ich frage mich allerdings, wie weit da auch ein transvestitisches Moment drin ist: Ob du versuchst, deine Intelligenz und deine kreative Potenz – also das, was „männlich“ ist an dir, hinter diesem ultraweiblichen Auftritt zu verstecken.

Elfriede Jelinek: Es ist wirklich so. Ich bitte um Gnade. Ich habe bei vielen Dingen das Gefühl, daß ich um Vergebung bitten muß.

Ich verstehe das. Offene weibliche Intelligenz hat ja gemeinhin zur Folge, daß Männer die Frauen nicht mehr begehrenswert finden.

Das weiß jede Heterofrau, daß sie sich klein machen muß. Da müssen die Frauen die Liebesarbeit machen, während die Männer die Liebesgedichte schreiben. […] Bei meinem Mich-zum-Objekt-machen Männern gegenüber ist es halt die Schminke, die ich mir ins Gesicht schmiere, und die Kleider, die ich mir kaufe. Ich bin, glaube ich, sehr narzißtisch. […]

Du bist seit zwölf Jahren verheiratet. Dein Mann Gottfried Hüngsberg ist so alt wie du und Naturwissenschaftler, wie dein Vater. Er lebt in München, 600 km entfernt von Wien. Du lebst zu zwei Drittel in Wien (im Haus deiner Mutter) und zu einem Drittel hier, in München. Ihr seht euch also etwa zehn Tage im Monat. Ist das einer der Gründe, warum es klappt?

Ja. Ich muß sagen, daß der Gottfried mich sehr, sehr schätzt und nie versucht hat, meine Kreativität in Zweifel zu ziehen oder zu unterdrücken. Dann hätte ich ihn auch nie geheiratet. Und er will mich auch nicht besitzen. Wir lassen uns Freiheiten. Und vor allem: Wir reden nicht über alles. Ich halte nichts von der Wahrheit. Ehrlichkeit in der Beziehung lehne ich ab.

Warum hast du eigentlich geheiratet?

Aus Kuriosität, wirklich. Ich habe gedacht, daß es witzig ist, so eine Beziehung, wie wir sie leben, mit einem Ehevertrag zu leben. Wenn wir einfach nur ein Paar wären, wären wir nur gut befreundet. Das wäre banal. Ich wollte halt bewußt ein anderes Modell der Ehe.

aus: Alice Schwarzer: Ich bitte um Gnade. Alice Schwarzer interviewt Elfriede Jelinek. In: Emma 7/1989, S. 50-55, S. 50 und S. 53.

Mehr unter Über Persönliches und Biographisches