Überschreitungen. Ein Gespräch mit Elfriede Jelinek

Nachweis

 

Über das Sprechen der

Frau

, weibliches Begehren im Allgemeinen und speziell in

Be­gier­de & Fahr­erlaub­nis

(

Se­xua­li­tät

). Das Sprechen von Frauen in einer patriarchalen (

Pa­tri­ar­chat

)

Ge­sell­schaft

beschreibt sie als „phallische Anmaßung, etwas, das für sie eben nicht vorgesehen ist“. Der Text Begierde & Fahrerlaubnis thematisiere „das Begehren als ein unrealisierbares, das aber doch immer wieder neu entsteht, sich neu entzündet, aber eben nur, wenn die Frau ihre Anmaßung, sprechen zu wollen, aufgibt“. Auch kurz über

Lust

.

 

Anke Roeder: Das Sprechen der Frau in „Begierde & Fahrerlaubnis“ geht soweit, daß es scheint, als ob SIE IHN erst durch IHRE Imagination zum Leben erwecke, so daß ER ohne SIE gar nicht existent wäre.

Elfriede Jelinek: Die alternde Geliebte spricht zu ihrem Geliebten und erschafft ihn damit gleichzeitig. Sie gebiert ihn ja auch, als Mutter, eine Rolle, die für sie vorgesehen wäre, die sie aber wiederum überschreitet, indem sie, da sie ihn ja symbolisch erschafft, (sie ist ja auch die Autorin!) auch in ihm ist. Sie ist also Mann und Frau in einem, als eine, die schöpft und gebiert, aber, in einem Akt der Anmaßung, ihr Geschöpf nicht von sich fortlassen kann, sondern wie in einer Parthenogenese eben auch das Geschöpf, das sie ganz alleine gemacht hat, selber sein möchte. Sie kann nichts aus der Hand geben, sie will einfach über alles gebieten können. Sie spricht, sie schafft auch den Text, und sie schafft den Mann, von dem der Text handelt.

aus: Anke Roeder: Überschreitungen. Ein Gespräch mit Elfriede Jelinek. In: Programmheft des Bayerischen Staatsschauspiel/Marstall zu projekt jelinek, 1996.